Mittwoch, 4. Dezember 2013

Weihnachtsspezial: Kurzgeschichte Vader im Himmel



Es ist Dezember! Weihnachten steht vor der Tür und draußen wird es immer kälter. Die perfekten Voraussetzungen also für eine kleine Geschichte, die einen auf diese besondere Jahreszeit einstimmt. Oder einem vielleicht sogar etwas den Stress des Geschenkesuchens nimmt, weil man sich für zehn Minuten richtig amüsieren kann.

Aus dem Grund habe ich heute eine kleine Überraschung für euch: Es ist die kurze Story Vader im Himmel aus dem Buch Allein unter Supermamis von Olaf Nett. Der Carlsen Verlag war so lieb, mir den Text zur Verfügung zu stellen, damit ihr ihn kostenlos genießen könnt.



Und hier ist das Weihnachtsspezial extra für euch:






Vader im Himmel



Copyright by Carlsen Verlag



„Schuld daran ist nur die blöde Kirche!“, pöbelte Gitta, die als Gastgeberin keine Rücksicht auf ihren Alkoholspiegel nehmen musste und bereits ihr drittes Glas Prosecco wegnippte.

„Die Kirche? Wieso das denn?“, fragte Evelyn. „Was kann denn die Kirche dafür, dass dir dein Weihnachtsbraten misslingt?“

„Na, sehr viel!“ Stolz mischte ich mich als Experte in das Gespräch unter Müttern ein. Bei der Geburtstagsfeier von Finns Kindergartenfreund Tom war ich, wie fast immer, der einzige Mann in der Runde: „Wenn du noch einen Sitzplatz im Familiengottesdienst um drei haben willst, musst du ’ne halbe Stunde vorher da sein. Zu viert oder zu sechst, mit den Großeltern, musst du vierzig Minuten rechnen.“

„Aha. Und was hat das mit dem Braten zu tun?“

Gitta war sehr erfreut über meine Unterstützung. „Ist doch klar: Wenn deine Familie in die Kirche will, dann kannst du entweder zu Hause beim Braten bleiben oder du musst den Timer am Ofen stellen und das geht meistens schief. Das Fleisch ist nicht richtig durch oder schon hart … Noch jemand einen Prosecco?“

„Genau! Einzige Lösung …“, jetzt präsentierte ich meinen Trumpf, „… einzige Lösung: Du meldest deine große Tochter beim Krippenspiel an.“

„Wieso das denn?“

„Dann mach ich nämlich noch mal ’ne Flasche Prosecco auf.“

„Tipp von Mella“, sagte ich, „die Krippenspieleltern bekommen reservierte Plätze in der Kirche. Und ich hol jetzt gleich Lisa bei Johanna ab und bring sie zur ersten Krippenspielprobe.“

„Nicht schlecht, Arndt.“ Ich bekam einen respektvollen Blick von Evelin. Nur Jutta war skeptisch: „Du meldest dein Kind beim Krippenspiel an, nur damit du reservierte Sitze in der Kirche hast?“

„Dann müsst ihr aber noch einen mittrinken. Sonst lohnt sich das ja nicht“, meinte Gitta auf dem Rückweg vom Kühlschrank.

„Äh … nein“, machte ich sicherheitshalber einen Rückzieher, „hauptsächlich natürlich, weil ich es schon wichtig finde, dass die Bibel und das Neue Testament und so …“ – ich kam ins Schwimmen: War das Neue Testament nicht Teil der Bibel? Egal! – „… also, dass das alles keine Fremdkörper für sie sind. Das find ich dann schon sehr wichtig.“

„Find ich klasse.“ Mann, sogar Jutta hatte ich überzeugt, ich war echt gut. „Ja, zwei Fliegen mit einer … Dings, nicht? … Religiöse Erziehung … ist wichtig!“

„Reeees-pekt, Arndt! Darauf ein Glas Prosecco!“ Gitta prostete in die Runde.

 

 

„Papa, du stinkst. Nach Alkohol.“ Spätestens wenn Kinder Lesen lernen, fangen sie auch an, Gerüche zu unterscheiden. Und ich hatte von Gittas Prosecco-Gelage bestimmt eine ganz schöne Fahne, als ich mit Lisa und Finn im weihnachtlich geschmückten Gemeindesaal der Kirche stand. Da kam Friederike. Mella hatte sie mir genau beschrieben, sie war die Tochter des früheren Pastors und trug, O-Ton Mella: „Pagenkopf, bestimmt von Geburt an, tragischer Fall von in den Haarschnitt reingeboren“. Außerdem wusste ich, dass Friederike Hagen, was den Herrn anging, keinen Spaß verstand. Immerhin lächelte sie freundlich, als sie auf uns zutrat: „Du musst Lisa sein, richtig?“

„Ja“, sagte Lisa und offenbarte Friederike sofort ihren innigsten Wunsch: „Ich möchte einen Engel spielen.“

„Oh“, Friederike lächelte, „das machen wir erst beim nächsten Mal. Bis dahin wird Gott mir sagen, wer welche Rolle bekommt.“

Ach du Scheibe. Das konnte ja heiter werden.

„Wie macht er das denn?“, wollte Lisa wissen, aber Friederike wandte sich nun mir zu: „Kennt sie denn die Bibel schon?“

„Äh … doch, doch, so Jesus, Gott und alle … doch.“ druckste ich herum und vergaß für einen Moment, dass ich zur Seite hätte sprechen sollen, um dem Verdacht übermäßigen Alkoholkonsums keinen Nährboden zu geben. Aber zu spät. Friederikes Pagenkopf drehte sich sichtlich pikiert zur Seite, sie murmelte noch: „Ja, schön“, dann nahm sie Lisa an der Hand und verabschiedete sich mit: „Um sechs dann wieder hier, nicht? Bis dann.“

 

 

Punkt sechs wartete ich also schon auf Lisa: „Na, wie war’s?“

„Noah ist voll der Arsch!“

„Was bitte?“

„Noah! Wieso hat er nicht alle Tiere mitgenommen? Was ist mit den Tieren, die dableiben mussten? Die sind doch wohl abgekratzt!“

„Abge… was? Lisa, er hatte ja nur diese eine Arche …“, verteidigte ich den Bibelhelden.

„Dann hätte er ja mehrere bauen können. Der wusste das doch vorher, dass das eine Schiff nicht langt! Und warum hat er die Mammuts nicht mitgenommen? Papa?“

„Keine Ahnung, Lisa. Frag Mama.“

 

 

Doch Mama hatte am selben Abend auch jede Menge Fragen: „Wieso hast du sie überhaupt zum Krippenspiel angemeldet? Wir sind doch nicht mal in der Kirche!“

„Äh … ich finde, also, religiöse Erziehung ist wichtig. Also, so Grundbegriffe jetzt.“

„Arndt, unsere Kinder glauben an Karma und Wiedergeburt genauso wie an den Weihnachtsmann und den Osterhasen. Glaubst du wirklich, dass sich diese Friederike und ihr Kirchenclan darauf einlassen?“

„Wer hat denn den Kindern diesen ganzen Hippiekram erzählt? ‚Wenn Mama stirbt, wird sie vielleicht als Lisas Tochter wiedergeboren‘, von mir haben die Kinder das nicht!“

„Das hat Lisa aber sehr geholfen, als sie nicht mehr einschlafen wollte, weil sie Angst hatte zu sterben.“

„Und das Paradies hätte dafür nicht getaugt?“

„Nein. Denn wenn du die Bibel kennen würdest, dann wüsstest du, dass das Paradies erst am letzten Tag der Welt kommt, nach der finalen Schlacht Antichrist gegen Erlöser. Dann stehen alle Toten aus den Gräbern auf und folgen dem Erlöser ins Paradies.“

„Okay, das kann natürlich dauern.“

„Genau, und für diese Welt gilt: Einmal tot, immer tot, wenn nächstes Leben, dann nicht hier.“

Ob Friederike das wusste? Vielleicht sollte sie Gott beim Castingtermin am nächsten Dienstag mal ganz unauffällig dazu befragen.

 

 

Eine Woche später kam ich gegen zehn vor sechs mit Finn von der Weihnachtsfeier des Kinderturnens in den Gemeindesaal. Finn hatte den Magen voller Spekulatius und ich hatte reichlich Glühwein im Blut. So stellten wir uns leise an den Bühnenrand zu den anderen wartenden Müttern, die ihren Krippenspielkindern beim Üben zusahen. Direkt neben uns stand Johannes, Friederikes Sohn. Er hatte wohl gerade Spielpause. Auf der Bühne standen Marie als Engel Gabriel sowie Lisa und die anderen Hirten, denen er erscheinen sollte. Der Hirte, der gerade dran war, flüsterte nuschelnd seinen Text vor sich hin und der Engel stand orientierungslos mit dem Rücken zum Publikum. Hihi. Da hatten wohl auch andere Eltern die reservierten Plätze im Sinn gehabt, als sie ihre, was Bühnenperformance anging, völlig untalentierten Sprösslinge beim Krippenspiel angemeldet hatten.

„Welche Rolle spielst du denn?“, fragte ich neugierig den kleinen Johannes neben mir.

„Josef“, sagte er knapp.

„Ah, und Lisa ist ein Hirte?“

„Ja, Hirte Nummer sieben.“

„Von wie viel?“

„Was?“

„Von wie viel Hirten?“

„Sieben.“

„Ah, ja.“

Man konnte von Gott halten, was man wollte: Wenn er Rollen besetzte, wusste er ganz genau, welches Kind aus einem kirchentreuen Haushalt kam und welches nicht.

„Du riechst nach Alkohol“, meinte Johannes jetzt.

„Ah, danke für den Tipp.“

Dann erklang die Stimme von Friederike: „Danke schön, Schluss für heute.“

 

 

Lisa kam mit geröteten Wangen auf mich zu: „Heute gab es Streit, Papa. Jesus ist doch gar nicht wirklich der Sohn Gottes? Oder? Das geht doch gar nicht!“

„Nein“, gab ich Lisa recht. „Ich glaube, das hat die Kirche irgendwann mal erfinden müssen, als es mit dem Produkt ‚Glaube‘ nicht so gut lief, also so ’ne Art PR-Aktion.“

„Pe-was?“

„Äh, das mit dem ‚Sohn‘ ist mehr im übertragenen Sinne zu verstehen. Letztlich sind wir alle Kinder Gottes. Das Göttliche in uns zu finden ist der Kern des Glaubens oder so.“

„Versteh ich nicht.“

„Macht nichts, geh schon mal zu Finn.“ Ich schob sie zur Seite, weil ich sah, wie Friederike Kurs auf mich nahm.

„Ah, gut, dass ich Sie sehe. Es gab heute ein paar Irritationen in der Gruppe. Ihr Kind behauptet da so komische Sachen. Ich denke, sie bringt das eine oder andere durcheinander. Wissen Sie, ich möchte nicht, dass die anderen Eltern daran irgendwann Anstoß nehmen. Vielleicht wäre es angebracht, wenn Sie zu Hause die Weihnachtsgeschichte noch einmal zusammen durchgehen, ja? Die nächste Probe ist übrigens schon übermorgen.“

Vor meinem inneren Auge sah ich die reservierten Plätze schwinden und dachte an einen zähen Weihnachtsbraten. Sosehr mir diese Kämpferin im Namen des Herrn auf den Zeiger ging: Vielleicht hatte sie ja Recht. Warum sollten nicht auch Kinder, die an Wiedergeburt glaubten, bibelfest sein? Zumindest die Weihnachtsgeschichte sollten sie einwandfrei in ihren Abläufen und ihrem Who’s who wiedergeben können. Hier war ich als Erziehungsberechtigter gefragt. Am nächsten Nachmittag musste ich in Ermangelung einer eigenen Krippe improvisieren. So inszenierten wir die Geschichte der Geburt Jesu mit Finns Lego-Star-Wars-Figuren.

„Also, pass auf, Lisa, Luke Skywalker ist jetzt Jesus, okay?“

„Ja, hast du schon mal gesagt“, war Lisa sofort genervt.

„Und die Sturmtruppen sind die Hirten, Finn.“

„Ja, Papa.“

„Und Prinzessin Amidala ist jetzt mal …“

„Maria.“ Lisa verdrehte die Augen und Finn ergänzte: „Dann ist aber Darth Vader Josef! Darf er sein Laserschwert neben der Krippe tragen?“

„Hallo, Moment mal!“ Jetzt war ich auch genervt. „Könnt ihr nicht mal einfach für einen Moment so tun, als wären das Krippenfiguren? Wir haben jetzt halt nichts anderes, also bitte, gebt euch ein bisschen Mühe!“

„Okay, die drei Weisen sind Jediritter.“

„Da spielt ja überhaupt nur eine Frau mit“, beschwerte sich Lisa, „sogar der Engel ist ein Mann. Ich möchte eine zweite Maria. Auch mit Laserschwert.“

„Was soll die denn machen?“ Finn war nicht einverstanden.

„Arbeiten und Geld verdienen zum Beispiel, so wie Mama!“

War ich gerade Zeuge der Geburt einer neuen Religion? Mochte sein, aber dafür hatte ich jetzt einfach keine Zeit.

„Stopp! Lasst uns bitte dies eine Mal die Geschichte so nacherzählen, wie sie in der Bibel steht. Bitte, bitte, bitte. Ihr dürft nachher auch fernsehen.“

 

 

Um Friederike aus dem Weg zu gehen, ließ ich Lisa am Donnerstag den Weg vom Parkplatz zur Kirche alleine gehen und wartete beim Abholen im Flur.

Dann kam Johannes an mir vorbei.

„Hallo, Johannes.“

Johannes grüßte nicht, sondern meinte nur: „Wenn du immer Alkohol trinkst, kannst du nicht zum lieben Vater im Himmel!“ Dann verdrückte er sich in die Halle.

Kurze Zeit später erschien Lisa und war noch viel aufgelöster als beim letzten Mal, aber erzählen warum, das wollte sie erst zu Hause. Und Christiane gab ihr in allen Punkten Recht: „Klar doch, Lisa. Natürlich hatte Maria Sex!“

„Also doch! Aber Frau Hagen sagt, ich darf das in der Kirche nicht sagen und die Jungfrau Maria wäre ganz enttäuscht von mir.“

„Die ‚Jungfrau‘ Maria gibt es gar nicht. Das ist ein Übersetzungsfehler aus dem Mittelalter, die richtige Bedeutung ist ‚junge Frau‘. Das ist doch bekannt!“ Woher wusste Christiane so etwas?

„Frau Hagen ist voll bescheuert!“

„Find ich auch“, wurde Lisa von ihrer Mutter bestärkt, die mich strafend anschaute.

„Ich geh da nicht mehr hin!“

„Wisst ihr was?“ Ich hatte keine Lust, wegen Weihnachten für allgemeinen Unfrieden zu sorgen. „Wir fahren jetzt statt Abendbrot zum Griechen. Wir essen schön und die Kinder können in der Spielecke toben, okay?“

 

 

Als wir später nach Hause kamen, hatten wir zwei Nachrichten auf dem Anrufbeantworter:

„Ja, hallo, hier spricht Frau Hagen, ich leite die Gruppe für das Krippenspiel in der Kirche und ich muss sagen, nach reiflicher Überlegung und äh … nüch-ter-nem Abwägen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es für Ihre Tochter Lisa in diesem Jahr doch noch etwas zu früh für das Krippenspiel ist. Vielleicht melden Sie sie ja nächstes Jahr noch einmal an, wenn sie religiös ein wenig gefestigter ist. Wir haben in dieser Woche übrigens einen Flohmarkt und da gibt es bestimmt auch die ein oder andere Bibel zum preiswerten Erwerb. Ja … also, dieses Jahr bitte also nicht mehr und wie gesagt, vielleicht also beim nächsten … nicht?“

Klack. Tuut.

„Hier ist Jutta! Sehr witzig, Arndt! Von wegen ‚Religiöse Erziehung ist mir wichtig!‘. Finn hat Dominic heute erzählt, dass Jesus’ Vater, der Herrgott, in Wahrheit Darth Vader ist! Und jetzt besteht Dominic darauf, in unserer Krippe das Jesuskind durch ein Legomännchen mit Laserschwert zu ersetzen. Vielen Dank auf diesem Wege! Du musst das ja nicht den Großeltern verklickern!“

Klack.

Ganz ehrlich: Kartoffelsalat mit Würstchen zu Weihnachten ist eigentlich völlig okay.




Ende






Und hier gibt's noch ein paar Infos zum Buch:





Short Facts:

  • Autor: Olaf Nett
  • Verlag: Carlsen

  • Seiten: 192 (Broschiert)

  • Preis: 12,99 € 

     

     

Auf Amazon 

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1 Kommentar:

  1. Hallo meine Liebe :)
    Im Moment läuft bei mir eine Blogvorstellung und vielleicht willst du ja mitmachen?
    Anschauen kanns du es dir jedenfalls hier:
    http://innocentwoorld.blogspot.com/2013/12/i-want-to-see-your-blogs-blogvorstellung.html
    Ich würde mich freuen :)
    Liebe Grüße, Michie ♥

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