Samstag, 7. Juni 2014

Gedankenspiele #2: Figuren und Setting - Eine Frage der Sympathie?





So, heute schreibe ich mal wieder einen kleinen Gedankenspiele-Post. Diesmal dreht sich alles um die Figuren und ums Setting und die Frage, wie sehr man sich damit identifizieren bzw. ob man beides mögen muss, um das gesamte Buch lieben zu können. Diese Frage beschäftigt mich schon länger. Seit ich mir immer wieder Rezensionen durchgelesen habe, in denen häufig die Rede davon ist, man könne sich so gar nicht mit einem Charakter oder dem Handlungsort anfreunden und würde deswegen auch schlechter bewerten, stellt sie sich mir sehr oft. Ist Sympathie wirklich so wichtig, um eine Geschichte zu mögen oder nicht?



Ich selbst lese gerade ein Buch, bei dem diese Frage schwer zu beantworten ist. Es handelt sich um No way back von John Lucas und thematisiert das Bandenleben in der Londoner Vorstadt. Nicht gerade einfache Kost und bestimmt auch keine Friede-Freude-Eierkuchen-Wohlfühlatmosphäre. Trotzdem werde ich es garantiert zuende lesen. Und das aus gutem Grund.



Ihr kennt doch sicher alle, diese wunderbaren Bücher, bei denen alles zu stimmen scheint: Perfekte Charaktere, perfekter Hintergrund, perfekte Atmosphäre. Es ist nicht so, dass es überhaupt keine Schwierigkeiten gäbe, aber sie werden gelöst und zwar so, dass es entweder politisch korrekt oder eben schnell und möglichst schmerzlos geschieht. Ein Happy-End ist quasi vorprogrammiert und auch durchaus erwünscht. Die Figuren sind so gestaltet, dass fast jeder sie lieben muss, sie sympathisch findet oder sich zumindest vorstellen kann, in ihrer Haut zu stecken. Sie haben ihre Schwächen und Fehler, ja, aber diese sind toll ausbalanciert mit ihren Stärken und zwar so, dass sie weder zu abgehoben noch zu normal wirken. Gerade ein bisschen über dem Durchschnitt, dass man sich gerne in sie hineinträumt, doch bloß nicht neidisch auf sie wird.



Versteht mich nicht falsch, ich lese solche Bücher häufiger, denn manchmal brauche ich einfach meine Dosis Mainstream. Eine Welt, in der alles machbar, lösbar und unkompliziert ist, wenn man sich nur etwas anstrengt und die richtigen Entscheidungen trifft. Sagen wir mal so, es gibt einem schon Hoffnung darauf, dass das Leben doch nicht komplett gegen einen ist und vor allem auch seine guten und schönen Seiten hat. Sowas ist zwischendrin mal nötig, wenn man eigentlich ganz optimistisch in die Zukunft blickt, aber sich dann der eine oder andere Zweifel einschleicht. In dem Sinne haben diese Geschichten durchaus eine Berechtigung in meinen Augen und deswegen verurteile ich niemanden, der überwiegend solche Romane verschlingt.
Allerdings sieht die Realität meist ganz anders aus.



Und das ist es vor allem, was mich oft mal mehr, mal weniger zu anderen Themen greifen lässt. Es ist eben einfach manchmal frustrierend, sobald sich der Spalt zwischen Fiktion und Wirklichkeit so krass auftut, dass man nicht leugnen kann, wie unwahrscheinlich viele Storys sind. Und wie beschönigend so einiges dargestellt wird. Man kommt sich ab und zu vor, als hätte man nur Pech in der Liebe, grundsätzlich die falschen Freunde oder einfach den langweiligsten und eintönigsten Job auf der Welt.
Damit will ich nicht sagen, dass ich mich bei der Lektüre endlich auch mal besser als die Protagonisten fühlen will. Dazu leide ich leider viel zu viel mit ihnen mit. Trotzdem ist es irgendwie tröstlich zu wissen, dass eine Situation im Leben bestimmter Buchhelden nicht immer gut ausgeht und es sogar offen bleibt, ob es jemals zu einem glücklichen Ende kommen wird.
Außerdem sind die Charaktere meistens alles andere als langweilig und klischeehaft.



Und da sind sie dann, die schwierigen, komplizierten oder sogar richtig unsympathischen Menschen, die uns durch ihre Erlebnisse führen und deren Handlungen nicht immer leicht zu durchschauen sind. Die einen fassungslos machen mit dem, was sie tun und sagen, mit denen man sich so schwer identifizieren kann und die man vielleicht nicht nur nicht leiden kann, sondern sogar auch noch regelrecht verabscheut.
Es gibt Leser, die können sich nicht mit solchen Figuren abfinden und legen einen Roman womöglich genau aus diesem Grund schnell zur Seite, ohne ihn zuende zu lesen. Ich respektiere so etwas durchaus, da es richtig schlimm ist, sich durch ein Buch zu quälen, mit dem man so überhaupt nichts anfangen kann. Für mich selbst ist es dagegen eine Herausforderung und eine tolle Möglichkeit, andere Perspektiven kennenzulernen, die ich vielleicht so nie vermutet hätte.
Ich weiß, dass es gerade dann besonders schwer ist, sich in jemanden hineinzuversetzen, dessen Charakter einen an Personen erinnert, die einen verletzt haben oder es immer noch tun. Will man jemanden nicht mögen oder ihn sogar hassen, will man auch seine Beweggründe nicht erfahren, aus Angst, man könnte ihn dann vermutlich sogar verstehen. Doch was ist, wenn man selbst in die gleiche Situation kommt wie derjenige, den man nicht mag? Wenn man irgendwann genau dieselben Erfahrungen macht? Woher will man jetzt wissen, wie man dann reagieren wird?



Dasselbe gilt in meinen Augen auch für das Setting, mit dem ich nicht nur den Handlungsschauplatz meine, sondern auch im weitesten Sinne die äußeren Einflüsse auf die Protagonisten.
Wie bereits angesprochen, lese ich gerade einen Jugendroman, der im Gangmilieu spielt, komplett mit Drogen, Bandenkämpfen, Morden usw. Ich habe schon mitbekommen, dass einige dieses Thema sehr kritisch sehen, vor allem in Hinblick darauf, wie es den Jugendlichen vermittelt wird. Der Autor solle immer die Gefahren politisch korrekt darstellen, weder zu krass noch zu lasch und dabei bloß nichts verherrlichen oder beschönigen.
Aber wo endet die realistische Darstellung und wo beginnt die sogenannte Verherrlichung? Muss der erhobene Zeigefinger stets präsent sein, um dem Vorwurf der Beschönigung zu entgehen? Sollte der Held einer Geschichte wirklich am Ende dastehen und direkt oder indirekt den Eindruck vermitteln, er hätte etwas ganz Wichtiges gelernt, nämlich dass seine Taten falsch waren? Oder zumindest sterben und auf diese Art und Weise aufzeigen, welches schlimme Ende man nehmen kann, sollte man denselben Weg einschlagen?



Meiner Meinung nach muss das nicht sein. Denn die traurige Wahrheit ist: In der Realität erkennen wir unsere Fehler meist zu spät oder gar nicht, auch wenn es in unserem Umfeld jemanden geben sollte, der uns eindringlich warnt. Gibt es niemanden oder nur solche, bei denen die Betreffenden das Gefühl haben, nicht akzeptiert zu werden, kann das drastische Folgen haben. Sollte man diese Folgen zeigen dürfen, ohne sie zu bewerten? Ich denke schon.
Vielleicht befindet sich ja jemand genau in dieser Situation und liest das Buch, bevor es für ihn zu spät ist. Und vielleicht fühlt er sich gerade deswegen von dem Schriftsteller so verstanden, eben weil der ihn oder eben die Figur, mit der sich der Leser identifiziert, nicht kritisiert. Und vielleicht überlegt er es sich deshalb ganz anders und schlägt einen ganz anderen Weg ein.




Klingt womöglich etwas hochtrabend und illusorisch, aber mir sind Menschen lieber, die eine eigene Meinung vertreten und nicht diejenige eines anderen nachplappern.Oder was meint ihr?



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